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04. Aug. 2026

Myroslava Kozliuk: „Wir haben uns umarmt und gesagt, wir sind ein Team.“

Als der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine begann, mussten Myroslawa Kozliuk und ihre beiden Söhnen fliehen. Die Alleinerzieherin baute für sich und ihre Kinder in Graz unter schwierigen Bedingungen ein neues Leben auf und versucht sich und ihren Kindern Träume zu erfüllen.

 

Redaktion & Fotos: Sonja Kittel

 

„Das war nicht so geplant“

„Mein Name ist Myroslava Kozliuk. Ich bin 37 Jahre alt und komme aus der Ukraine. Ich habe zwei Söhne, sie sind acht und vierzehn Jahre alt und wir leben seit vier Jahren und ein paar Monaten in Österreich. Das war nicht so geplant. Als der Krieg in der Ukraine begonnen hat, dachte ich, wie viele andere, das wird ein paar Wochen dauern und dann können wir zurück. Mittlerweile fühlen meine Kinder und ich uns hier in Österreich wie in einem zweiten Zuhause. Ich liebe dieses Land sehr, auch wenn es nicht immer einfach ist. Es gibt hier andere Regeln und Gesetze, eine andere Mentalität und natürlich eine andere Sprache.

 

„Hier haben sie nur mich“

Ich bin geschieden. Das ist schon vor dem Krieg passiert und es gibt seit drei Jahren keinen Kontakt mehr zwischen den Kindern und ihrem Vater. Die Familiensituation war nicht gesund und das haben die Kinder auch mitbekommen. Ich habe versucht sie zu schützen und mich auch deswegen getrennt. Hier haben sie nur mich und ich muss alles tun, um ihnen die beste Zukunft zu ermöglichen. In den ersten zweieinhalb Jahren in Österreich hatten sie nicht so viel von mir gehabt, weil ich alles für uns neu aufbauen musste. Ich habe ihnen versprochen, dass wir bald mehr Zeit miteinander verbringen werden. Sie haben es verstanden und viel miteinander gespielt und mich unterstützt.

 

 

„In einem kleinen Dorf ohne Auto ist es schwierig“

Wir haben in Österreich zuerst nahe Krems in Niederösterreich gelebt. Das war eine traumhaft schöne Landschaft mit den Weinbergen und wir haben tolle Menschen kennengelernt, die zu Freunden geworden sind. Aber, wenn du in einem kleinen Dorf mit zwei Kindern ohne Auto lebst und der Bus nur alle zwei Stunden in die nächste größere Stadt fährt, ist es schwierig einen Job zu finden. Anfangs bekamen wir finanzielle Unterstützung vom Staat. Das war eine große Hilfe, aber wenn man Kinder hat, nicht genug, um ihnen zum Beispiel das Fußballtraining oder einen Urlaub zu ermöglichen.

 

„Jetzt ist es Zeit für meinen Traum“

Ich bin sehr kreativ – das habe ich von meiner Mama - und es war immer mein Traum, Designerin zu werden. Ich habe aber eine Ausbildung zur Volkswirtin gemacht und 13 Jahre in diesem Feld gearbeitet. Als wir flüchten mussten, habe ich gespürt, jetzt ist es Zeit. Du hast alles in der Ukraine verloren und weißt noch nicht mal, ob es dein Apartment noch gibt. Deswegen habe ich einen ukrainischen Online-Kurs für Design absolviert, den ich privat bezahlt habe. Mein Vater hat mir als Unterstützung für meinen Start einen neuen Computer gekauft. Ich dachte erst, dass ich schon zu alt wäre, um etwas Neues zu lernen, aber im Endeffekt habe ich dann mein Design-Portfolio gemacht und nebenbei Deutsch und Englisch gelernt.

 

„Eine andere Ecke von Österreich“

Meine Zwillingsschwester, die auch mit ihrem Sohn nach Österreich geflohen ist, sagte mir eines Tages, dass sie eine Wohnung in Graz gefunden hätte und dort hinziehen werde. Sie fragte mich, ob wir mitkommen wollten. Ich hab es mir angeschaut und gedacht, wow, das ist in einer anderen Ecke von Österreich. Aber ich war so motiviert, dass ich gleich vier mögliche Apartments in Graz gefunden habe. Ich schaute sie mit den Kindern an und das letzte war großartig, in der Nähe des Kunsthauses und nur fünf Minuten vom Apartment meiner Schwester entfernt. Der Vermieter mochte uns, wahrscheinlich wegen meines jüngeren Sohns, der mit seinem Wesen alle um den Finger wickelt und wir konnten gleich unterschreiben.

 

„Mein älterer Sohn hilft mir bis heute“

In Graz war es zuerst schwierig. Wir hatten nicht viel Geld und das Apartment war nicht günstig. Aber wir waren zusammen. Wir haben uns umarmt und gesagt, wir sind ein Team. Mein älterer Sohn half und hilft mir bis heute mit seinem kleinen Bruder. Er spielt mit ihm, unterstützt ihn bei den Hausübungen und mich in unserem Alltag. Ich habe begonnen sehr viele Bewerbungen zu schreiben. Eine Stelle beim internationalen Brillenhersteller MPG interessierte mich besonders. Deshalb schickte ich auch eine Bewerbung im Herbst, eine im Winter und eine im Frühling dorthin und dann haben sie mich endlich eingeladen. Ich wollte diese Position so sehr und das haben sie gemerkt und sie mir gegeben. Es ist mein Traumjob und ich liebe ihn, weil ich etwas Schönes entwickeln und es dann in Händen halten und anschauen kann. Ich bin Junior Product Designerin für Damenbrillen und habe schon drei erfolgreiche Kollektionen designt.

 

„Wir haben jetzt ein besseres Leben“

Meine beiden Söhne gehen im Graz in die Volksschule und ins Gymnasium, in ihrer Freizeit spielen sie Fußball in einem ukrainischen Fußballverein. Wir sind nicht reich, aber wir haben jetzt ein besseres Leben. Meine Kinder haben zum Beispiel davon geträumt, den FC Barcelona in Spanien zu besuchen. Letztes Jahr konnten wir einfach hinfahren und den Traum verwirklichen. Ich habe hier einen Mann kennen- und lieben gelernt. Auch mit den Kindern hat er eine große Verbundenheit. Er unterstützt mich, in dem er sie zu Terminen bringt oder abholt und ein offenes Ohr für sie hat.

 

„Langsam, aber sicher“

Es ist großartig, wenn du etwas wirklich willst und es dir vorstellst und dir sagst, du schaffst das, und dann machst du das Schritt für Schritt. Wie meine Deutschlehrerin sagt: ‚Langsam, aber sicher.‘ Wenn ich von Leuten höre, die Probleme haben, einen Job oder ein Apartment zu finden oder Zeit, um Deutsch zu lernen, sage ich, wirklich? Ich habe das alles gleichzeitig gemacht und noch zwei Kinder. Ich habe zwar nicht wirklich Zeit zu relaxen, aber ich mag mein Leben und ich mag es zu spüren, dass ich am Leben bin. “

 

Die aktuelle Hier-Angekommen-Porträtreihe von SOS Mitmensch gibt Frauen eine Stimme, die sich nach ihrer Flucht in Österreich ein neues Leben aufgebaut haben und gleichzeitig die Herausforderungen als Alleinerziehende meistern müssen. Ein Teil der Betroffenen kommt zudem aus einem radikalpatriarchalen Umfeld und hat gewalttätige Beziehungen durchlebt. Wie haben sie es geschafft, sich in solch schwierigen Situationen in einem neuen Land mit neuer Sprache zurechtzufinden und gleichzeitig das Familienleben zu meistern? Was waren die größten Hürden? Und was hat ihnen die Kraft gegeben, durchzuhalten? Die Porträts der aktuellen Reihe sowie die Porträtreihen der letzten Jahre sind hier nachzulesen: www.hierangekommen.at. Wenn Sie Geflüchtete unterstützen wollen, finden Sie hier Infos und Kontakte.

 

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