Shireen H.: „Bin ihre Mutter und ihr Vater.“
Shireen flüchtete hochschwanger aus Syrien, mit der Hoffnung auf ein sicheres Leben für ihre Kinder und sich. Doch in Wien sperrte ihr Mann sie ein und war gewalttätig. Sie schaffte es sich zu befreien und lebt nun ein selbstbestimmtes Leben als Alleinerziehende. Hinweis: Die Erzählung enthält Schilderungen von häuslicher Gewalt.
Redaktion: Sonja Kittel, Foto: Privat,
„Mein Mann hat mich komplett isoliert“
„Ich heiße Shireen und bin 41 Jahre alt. 2016 bin ich hochschwanger mit Zwillingen aus Syrien nach Österreich geflüchtet. Ich war im achten Monat und bin direkt zur Entbindung in ein Krankenhaus in Salzburg gebracht worden. Dort habe ich meine Tochter und meinen Sohn geboren. Nach drei Wochen im Krankenhaus bin ich zu meinem Mann nach Wien gegangen, der dort bereits seit einiger Zeit lebte. Mein Mann – er war dreißig Jahre älter als ich – hat mich komplett isoliert. Ich durfte nicht raus, kein Deutsch lernen, niemanden treffen und er war auch gewalttätig. Schnell wurde ich mit meinem nächsten Kind schwanger, meinem jüngsten Sohn.
„Ich war allein mit drei Babys“
Irgendwann war mein Mann plötzlich weg. Ich erfuhr, dass er neben mir mehrere andere Frauen gehabt hatte und die Tochter einer der Frauen missbraucht hatte. Dafür musste er ins Gefängnis. Das war ein riesengroßer Schock für die Kinder und mich. Erst habe ich ihnen gesagt, er sei gestorben, weil ich nicht wusste, wie ich ihnen die Wahrheit erklären sollte. Erst später konnte ich ihnen alles sagen. Wir haben seit damals keinen Kontakt mehr zu ihm. Die Zeit war sehr schwierig. Ich war allein mit drei Babys, hatte kein Einkommen und konnte kein Wort Deutsch sprechen. Das Jugendamt hat uns damals sehr geholfen. Sie haben mich dabei unterstützt, die Scheidung durchzusetzen, meine Ansprüche beim Sozialamt geltend zu machen und eine neue Wohnung zu finden. Für die alte Wohnung hatte mein Ex-Mann keine Miete mehr gezahlt und wir flogen raus.
„Das war für mich ein Wendepunkt“
Ich wurde damals gefragt, ob ich auch Unterstützung in meiner Muttersprache bräuchte, und das wollte ich auf jeden Fall. Ich kam auf die Warteliste bei den Nachbarinnen, die muttersprachlich von Frau zu Frau dabei helfen, verschiedene Problemlagen zu lösen. Das war für mich ein Wendepunkt. Ich habe Frauen kennengelernt, die eine ähnliche Geschichte erlebt haben wie ich, und ich habe an dem women-know-how-Programm teilgenommen, einer Schulung für Frauen, bei der man lernt, wie man sich gegen Gewalt stärken kann. Viele der Frauen dort sind meine Freundinnen geworden, und meine Betreuerin Fatima ist ein großes Vorbild für mich. Sie hat es geschafft, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen und lebt nun mit ihrem neuen Mann und ihren acht Söhnen in Österreich. Die Kinder haben alle eine tolle Ausbildung und es geht ihnen gut.
„Die kleine Dolmetscherin“
Die Zwillinge sind jetzt zehn Jahre alt, mein jüngster Sohn acht Jahre. Sie gehen alle in die Schule. Die beiden älteren fangen bald mit der Mittelschule an. Meine Tochter nennen sie in der Schule ‚die kleine Dolmetscherin‘, weil sie andere Kinder bei Sprachproblemen unterstützt, mein älterer Sohn ist super in Mathematik. Mein Jüngster hat ein bisschen Probleme in der Schule und er findet auch nicht wirklich etwas, das ihm Spaß macht. Ich denke, das hängt auch mit der ganzen Geschichte mit seinem Vater zusammen. Wir waren zwar alle ein Jahr in psychologischer Betreuung, trotzdem ist er immer noch traumatisiert. Durch die Nachbarinnen bekommen wir auch Lernhilfe für die Kinder. Einmal pro Woche kommt jemand vorbei und lernt mit ihnen.

„Ich bin stolz auf mich“
Als alleinerziehende Mutter hat man nochmal besondere Herausforderungen. Meine Kinder haben nur mich. Ich bin ihre Mutter und ihr Vater, und ich muss stark für sie sein. In den letzten zehn Jahren gab es nie einen Moment nur für mich. Ich bin für alles verantwortlich, egal ob Schule, Arzttermine, Einkaufen, Kochen oder was sonst noch alles anfällt. Jetzt nehme ich mir schon etwas mehr Zeit, um auf mich zu schauen. Ich bin stolz auf mich, weil ich stark genug war, das alles zu schaffen. Mein Ziel ist es, dass meine Kinder eine gute Ausbildung machen. Ich will richtig Deutsch lernen, ein Arbeitstraining in der Nähwerkstatt der Nachbarinnen machen und dann einen Job finden. Vielleicht erst mal als Verkäuferin.
„Holt euch Hilfe!“
Ich rate jeder Frau, die in meiner Situation ist, dass sie sich Hilfe holen soll. Sie muss es nicht aushalten, geschlagen und isoliert zu werden. Ich habe es zu Beginn nicht gemacht, obwohl ich in Syrien ein selbstständiges Leben hatte. Ich war an der Uni, habe meinen Bachelor gemacht und als Kindergartenpädagogin und Lehrerin gearbeitet. Doch hier war ich erstmal völlig handlungsunfähig, ohne Sprache und Freunde. Nur wegen meiner Kinder habe ich durchgehalten.“
Die aktuelle Hier-Angekommen-Porträtreihe von SOS Mitmensch gibt Frauen eine Stimme, die sich nach ihrer Flucht in Österreich ein neues Leben aufgebaut haben und gleichzeitig die Herausforderungen als Alleinerziehende meistern müssen. Wie haben sie es geschafft, sich in einem neuen Land mit neuer Sprache zurechtzufinden und gleichzeitig das Familienleben zu meistern? Was waren die größten Hürden? Und was hat ihnen die Kraft gegeben, durchzuhalten? Die Porträts der aktuellen Reihe sowie die Porträtreihen der letzten Jahre sind hier nachzulesen: www.hierangekommen.at. Wenn Sie Geflüchtete unterstützen wollen, finden Sie hier Infos und Kontakte.
Wir danken dem Verein "Nachbarinnen in Wien" für die Unterstützung bei der Porträtserie.
Jetzt den SOS Mitmensch Newsletter abonnieren
Ermöglichen Sie mit einer Spende unsere weitere Menschenrechtsarbeit




