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17. Sept.. 2026

SOS Mitmensch-Bericht: Burschen von patriarchalen Rollenbildern befreien!

SOS Mitmensch hat rund ein Dutzend Expert:innen aus Schulen und der Burschenarbeit befragt, wie patriarchale Rollenverständnisse und gewaltfördernde Tendenzen bei Burschen zurückgedrängt werden können. In einem 58-seitigen Bericht nennen die Expert:innen mehr als zwanzig effektive Maßnahmen und fordern von der Politik eine verstärkte Unterstützung für antipatriarchale Burschenarbeit ein.

 

Expert:innen-Bericht "BURSCHEN VON PATRIARCHALEN ROLLENBILDERN BEFREIEN" zum Herunterladen (PDF)

 

Burschen von gewaltfördernden Rollenbildern lösen

„Burschen, die patriarchal auftreten und sich über Besitzdenken, Ehre und Gewalt definieren, sind ein erhebliches gesellschaftliches Problem, aber keineswegs ein Naturgesetz. Unser Bericht zeigt, dass es klare Lösungswege gibt, um die soziale Kompetenz, Fürsorglichkeit und Kooperationsbereitschaft von Burschen zu stärken und sie von gewaltfördernden patriarchalen Rollenbildern zu lösen. Viele Burschen leiden auch selbst unter den toxischen patriarchalen Rollenerwartungen, mit denen sie konfrontiert werden“, erklärt Alexander Pollak, Sprecher von SOS Mitmensch. 

 

Zahlreiche Maßnahmen nötig

Drei Schuldirektor:innen, drei auf Genderthemen spezialisierte Lehrer sowie fünf Expertinnen und Experten aus der sozialarbeiterischen Burschen- und Männerarbeit geben im Burschen-Bericht von SOS Mitmensch Auskunft darüber, wie in Bildungseinrichtungen die soziale Kompetenz von Burschen gestärkt und patriarchalen Rollenverständnissen entgegengewirkt werden kann. Dazu gehören unter anderem:

  • das Sprechen über Gefühle und Konflikte als fixer Teil des Schulalltags,
  • eine demokratische Vereinbarungskultur, 
  • die Aufarbeitung von Gewaltvorfällen,
  • das breite Ausrollen von Workshops, die sich mit Konfliktvermeidung und Sexualpädagogik beschäftigen,
  • mehr Ressourcen für Beziehungsarbeit und soziales Lernen an Schulen,
  • mehr Gewaltpräventionsarbeit,
  • die Einführung eines gemeinsamen Ethikunterrichts,
  • die Stärkung außerschulischer Burschenarbeit und
  • der Kampf gegen frauenfeindliche Influencer in sozialen Netzwerken.

Angerer: "Augenhöhe und Grundsatzhaltung"

Thomas Angerer, Direktor der HTL Wien West, betont, dass Burschen ernst genommen werden wollen. „Wenn man ihnen respektvoll und auf Augenhöhe gegenübertritt, hat man schon viel gewonnen. Zugleich braucht es eine klare Grundsatzhaltung gegen Fehlverhalten. Dazu genügt es nicht, auf Vorfälle zu reagieren, wir müssen auch präventiv arbeiten. Wir holen uns flächendeckend Gewalt- und Suchtpräventions-Workshops sowie Safer-Internet- und Demokratie-Workshops an die Schule“, so Angerer.

 

Osterkorn: "Soziales Lernen als Um und Auf"

AHS-Lehrer Patrick Osterkorn streicht die wichtige Rolle von sozialem Lernen hervor: „Soziales Lernen ist das Um und Auf und muss von Anfang an trainiert und geübt werden. Das sollte in Form von Fächern wie ‚Kommunikation-Kooperation-Konfliktlösung‘ geschehen, aber auch integriert in allen Unterrichtsfächern.“

 

Hirt: "Expert:innen von außen einbinden"

Auch Alternativschul-Lehrer Simon Hirt betont die große Bedeutung von sozialem Lernen: „Soziales Lernen müsste auch im Regelschul-Lehrplan viel mehr Aufmerksamkeit und Platz bekommen.“ Darüber hinaus erklärt Hirt, dass es viel bringe, „Expert:innen von außen einzubinden, die gemeinsam mit Lehrkräften Workshops machen und längerfristige Projekte entwickeln und begleiten“.

 

Blaschek: "Gefühle ausdrücken und Geschlechterrollen hinterfragen"

Alexander Blaschek, Mittelschul-Beratungslehrer in Wien, erklärt, dass „Burschen Räume brauchen, in denen sie Gefühle wie Angst, Trauer und Unsicherheit ausdrücken können und diese als legitim anerkannt werden“. Darüber hinaus solle Burschen „durch reflexionsorientierte Burschenarbeit“ ermöglicht werden, Geschlechterrollen zu hinterfragen. „Burschen sollen verstehen, wie Geschlechterrollen entstehen und welche Auswirkungen sie haben“, so Blaschek.

 

Walizadeh: "Verlässlichkeit und Fürsorge"

Der Geschäftsführer des Vereins Neuer Start, Shokat Walizadeh, betont: „Es braucht Räume, in denen Männlichkeit nicht auf Härte, Dominanz und Abwertung beruht, sondern sie Verlässlichkeit, Fürsorge und auch Gleichberechtigung erfahren.“

 

Holzhacker: "Lernen, was persönlich guttut"

Laut Christian Holzhacker, pädagogischer Bereichsleiter im Verein Wiener Jugendzentren, „haben Burschen häufig einen erhöhten Bedarf zu lernen, welche Dinge ihnen persönlich guttun und sie auch zu sozial verträglicheren Menschen machen, unabhängig von Erwartungen oder vom Applaus anderer.”

 

Tiefenbacher: "Klassendemokratie und gemeinsamer Ethikunterricht"

Erika Tiefenbacher, Direktorin der Mitteschule Währing, sieht in Klassendemokratie ein wichtiges Tool, um Gleichberechtigung zu vermitteln. „Man macht sich gemeinsam Regeln aus und jede Stimme ist dabei gleich viel wert. Es ist auch ein Rahmen, um Burschen und Mädchen zu motivieren, problematische Verhaltensmuster toxischer Männlichkeit aktiv anzusprechen.“ Tiefenbacher plädiert für einen flächendeckenden Ethikunterricht. „Ethikunterricht würde gewährleisten, dass man über Religionen Bescheid weiß und Unterschiede und Ähnlichkeiten erkennt. Darüber hinaus kann dem Risiko entgegengewirkt werden, dass über den Religionsunterricht patriarchale Geschlechtervorstellungen in die Schule getragen werden.“

 

Feldhofer-Mahmoudian: "Tragkräftige Vereinbarungen"

Petra Feldhofer-Mahmoudian, Direktorin an der offenen Volksschule am Kaisermühlendamm, betont ebenfalls die große Bedeutung einer partizipativen Vereinbarungskultur an Schulen: „Es ist wichtig, mit den Kindern schrittweise tragkräftige Vereinbarungen zu entwickeln und so ihre Verantwortungsbereiche zu erweitern. Dabei geht es auch darum, zu erlernen, patriarchale Familienstrukturen zu hinterfragen und alternative Verantwortungsaufteilungen zu erleben.“

 

Leeb: "Diskriminierungserfahrungen thematisieren"

Philipp Leeb, Gründer vom Verein poika, fordert den Ausbau der Schulsozialarbeit, „damit auch der Kontakt zu den Eltern und den Communities, in die die Eltern eingebunden sind, verstärkt werden kann”. Darüber hinaus fordert Leeb das aktive Thematisieren von Diskriminierungserfahrungen: „Wir sollten darüber sprechen, dass uns bewusst ist, dass ein Teil der Burschen Diskriminierung erlebt und dass wir das ernst nehmen. Gleichzeitig muss das aber abgetrennt werden von problematischen Verhaltensweisen.”

 

Březina: "Aufarbeitung von Gewaltvorfällen"

Simon Březina, Projektleiter beim Verein White Ribbon Österreich, betont die entscheidende Rolle der Umfeldbedingungen: „Wenn Schulen oder auch Arbeitgeber:innen eine Umgebung schaffen, wo Werte wie Rücksichtnahme, Verständnis, Wertschätzung wichtig sind, kann aggressives und gewaltvolles Verhalten nachhaltig reduziert werden.“ Darüber hinaus sei eine gute Aufarbeitung von Gewaltvorfällen die wirksamste Form der Prävention, so Březina. 

 

Pire: "Workshop-Angebote ausbauen"

Tara Pire, Obfrau beim Verein poika, weist darauf hin, dass die bestehenden Workshop-Angebote aus der gendersensiblen Burschenarbeit den Bedarf bei weitem nicht abdecken können. „Wir können der Nachfrage nicht nachkommen und das ist nicht nur bei uns so“, fordert Pire den strukturellen Ausbau entsprechender Angebote.

 

Nutzung der Expertise als möglicher Game-Changer

SOS Mitmensch-Sprecher Pollak betont, dass die im Burschen-Bericht festgehaltene „geballte Expertise“ der Expertinnen und Experten „ein echter Game-Changer sein kann, um Gleichberechtigung an Schulen zu stärken und gewaltfördernde Faktoren zurückzudrängen“. Dazu müsse die Politik die am Tisch liegenden Forderungen und Best-Practice-Vorschläge ernst nehmen und umsetzen, regt Pollak einen runden Tisch von Politik und Burschen-Expert:innen an.

 

 

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