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13. Jul. 2026

Anastasiia Gergun: „Ich bleibe dort, wo mein Kind ein besseres Leben hat.“

Als der Krieg in der Ukraine begann, brach für Anastasiia Gergun eine Welt zusammen. Nie hätte sie sich vorstellen können, in einem anderen Land zu leben. Doch eine gute Zukunft für ihre Tochter war ihr das Wichtigste, und sie flüchteten nach Österreich, wo sie in Graz ein neues Leben begannen.

 

Redaktion & Fotos: Sonja Kittel

 

„Ich habe gleich Sicherheit gespürt“

„Mein Name ist Anastasiia Gergun. Ich bin 33 Jahre alt und komme aus der Ukraine. Ich bin wegen des Kriegs im Jahr 2022 mit meiner damals sechsjährigen Tochter nach Österreich geflohen. Am Anfang war alles in Österreich neu und schwierig für uns, aber ich habe auch gleich Sicherheit für meine Tochter und mich gespürt. Ich konnte zwar kein Deutsch, aber zum Glück Englisch sprechen. Schwer war es auch, wegen meines psychischen Zustands. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass ich in einem anderen Land leben kann. Ein Jahr lang habe ich mir jeden Tag gewünscht, wieder nach Hause zurückzukehren. Meine Mutter und ein paar Freunde und Verwandte sind noch in der Ukraine. Aber viele sind selbst geflohen. Mein Bruder ist zum Beispiel in Kanada. Wir waren eine sehr große Familie, aber jetzt sind wir getrennt.

 

„Wir unternehmen jedes Wochenende etwas“

Meine Chefin hatte mir empfohlen, nach Österreich zu gehen. Sie selbst lebt schon seit 12 Jahren in Wien. Wir haben eine Wohnung in Graz gefunden und ich habe meinen ersten Deutschkurs bei der FH Joanneum angefangen und A1 absolviert. Mittlerweile bin ich schon auf B2-Niveau. Leider spreche ich Deutsch nur im Kurs und vielleicht beim Einkaufen. Meine Freundinnen und Freunde hier sind hauptsächlich selbst aus der Ukraine. Wir unternehmen jedes Wochenende etwas. Gestern war ich zum Beispiel das erste Mal am Grünen See. Wir haben auch schon Hallstatt besucht, Wien, Salzburg. Ich liebe Österreich wirklich. Es ist eines der schönsten Länder der Welt.

 

 

„Ich habe zwei Ausbildungen“

Nach zwei Jahren habe ich akzeptiert, dass der Krieg nicht so schnell zu Ende gehen wird. Ich habe ein Gewerbe als Selbstständige registriert und im Marketing als Brand Managerin gearbeitet. Ich war erst noch bei meiner alten Firma, einem internationalen IT-Unternehmen, aber vor einigen Monaten haben sie die Zusammenarbeit beendet, aufgrund einer Unternehmenskrise. Ich habe zwei Ausbildungen als Magistra für Marketing und als Juristin für Corporate Business Law. Seit zehn Jahren arbeite ich im Marketing im IT-Bereich. Aber ich bin da nicht festgefahren. Ich würde auch einen Job als Assistentin oder Office-Managerin annehmen.

 

„Meine Tochter ist sehr selbstständig“

Meine Tochter ist jetzt zehn Jahre alt. Ab September geht sie in ein Gymnasium hier in Graz. Sie spricht super Deutsch, lernt alles schnell und ist sehr selbstständig. Da war sogar ihre Volksschullehrerin überrascht. Wir sind damals mitten im Schuljahr nach Graz gekommen und meine Tochter kam in eine Volksschule. Als ich sie am ersten Tag dorthin gebracht habe, musste ich sie alleine in der Klasse lassen und draußen warten. Ich habe gehört, wie sie geweint hat und nach mir gerufen, aber die Lehrerin hat ihr nicht erlaubt, zu mir zu gehen. Das war schrecklich für uns beide. Nach den Sommerferien kam sie dann in eine andere Volksschule. Das war gut, weil sie sich im Sommer etwas erholen und ankommen konnte. Ihre neue Lehrerin liebt sie sehr, und sie ist jetzt schon traurig, dass sie sie im September verlassen muss.

 

„Ich habe entschieden, dass meine Tochter ihren Vater braucht“

Anfangs bekam meine Tochter noch zusätzlich Online-Unterricht über ihre Schule in der Ukraine, aber das wurde zu viel und wir haben akzeptiert, dass wir jetzt hier unser Leben aufbauen. Sie kann Ukrainisch sprechen und auch alle Buchstaben schreiben, aber das wäre nicht genug für ein Leben in der Ukraine. Ich bin in der Region Tschernihiw geboren und mit 17 Jahren nach Kiew zum Studieren gegangen. Dort ist auch meine Tochter geboren. Seit acht Jahren bin ich geschieden. Meine Tochter war damals zweieinhalb und seitdem leben wir getrennt von ihrem Vater. Das Verhältnis war erst sehr schwierig, aber ich habe entschieden, dass meine Tochter ihren Vater braucht. Jetzt kann ich sagen, dass wir Freunde sind. Er lebt in Barcelona und einmal im Jahr fliegt sie dorthin oder er kommt hierher. Ich bin selbst mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen und manchmal denke ich, das war gar nicht so schlecht, weil ich gelernt habe, für mich selbst zu sorgen.

 

„Es fehlt eine zentrale Anlaufstelle für Geflüchtete“

Ich brauche dringend eine neue Arbeitsstelle. Ich habe sicher schon 60 bis 70 Bewerbungen verschickt, aber fast nie eine Antwort bekommen. Daher weiß ich auch nicht, was ich falsch mache. Ich glaube, es ist ein Problem, dass ich noch nicht so lange hier lebe und nicht die österreichische Staatsbürgerschaft habe. Vielleicht ist auch mein Deutsch noch nicht gut genug. Ich bin bereit, alles zu lernen und mich wirklich reinzuhängen. Viele Informationen über Unterstützungsangebote habe ich am Anfang nicht bekommen. Es fehlt eine zentrale Anlaufstelle für Geflüchtete, bei der man alle Möglichkeiten aufgezeigt bekommt. Ich habe vieles erst jetzt durch Bekannte erfahren und wollte auch immer alles alleine schaffen und niemanden stören.

 

 

„Ich will mich hier selbstbewusst fühlen“

Anderen Menschen in meiner Situation empfehle ich, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen, eine Arbeitsstelle zu suchen und viel über Österreich zu lernen. Ich besuche Museen, lerne viel über die Geschichte und Kultur des Landes. Ich lebe hier, respektiere dieses Land und will mich hier selbstbewusst fühlen. Ich akzeptiere alle Gesetze und Regeln und bin dankbar, dass mich dieses Land aufgenommen hat, als ich Hilfe brauchte. Ich wünsche mir, dass alle Menschen, die hierherkommen, das so machen und die Österreicher sehen, dass wir uns integrieren wollen und nicht auf Konfrontation aus sind. Für meine Tochter ist es wichtig, eine gute Ausbildung zu haben, und das ist hier besser möglich als in der Ukraine – leider. Ich bleibe dort, wo mein Kind ist und dort, wo sie bessere Chancen hat.

 

„Es ist völlig in Ordnung, auf seine psychische Gesundheit zu achten“

Ich hatte viele psychische Probleme nach der Flucht, wegen der Situation in meiner Heimat. Normalerweise bin ich ein fröhlicher und aktiver Mensch, aber zu der Zeit war ich wie ein Roboter. Meine Freundin hat das erkannt und gesagt, du musst dir Hilfe holen. Sie hat mich zu einer Therapeutin geschickt und die hat mir sehr geholfen. Ich habe eine Therapie gemacht und Medikamente genommen, da mein Zustand auch schon Auswirkungen auf meine Tochter hatte. Wenn ich Angst hatte, hatte sie Angst, wenn ich geweint habe, hat sie geweint. Ich bin meiner Freundin sehr dankbar, dass sie mich dazu gebracht hat, mich um mich selbst zu kümmern und zu verstehen, dass es völlig in Ordnung ist, auf seine psychische Gesundheit zu achten. Jetzt bin ich glücklich hier. Es ist ruhig, es ist friedlich, die Sonne scheint und ich habe mir ein Fahrrad gekauft. Das ist frisch, das ist cool und gibt mir das Gefühl, schon eine richtige Österreicherin zu sein.“

 

Die aktuelle Hier-Angekommen-Porträtreihe von SOS Mitmensch gibt Frauen eine Stimme, die sich nach ihrer Flucht in Österreich ein neues Leben aufgebaut haben und gleichzeitig die Herausforderungen als Alleinerziehende meistern müssen. Wie haben sie es geschafft, sich in einem neuen Land mit neuer Sprache zurechtzufinden und gleichzeitig das Familienleben zu meistern? Was waren die größten Hürden? Und was hat ihnen die Kraft gegeben, durchzuhalten? Die Porträts der aktuellen Reihe sowie die Porträtreihen der letzten Jahre sind hier nachzulesen: www.hierangekommen.at. Wenn Sie Geflüchtete unterstützen wollen, finden Sie hier Infos und Kontakte.

 

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